Die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt sie nicht – eine Meinung zur Politik hierzulande hat Yasemin Taylan trotzdem.
Obwohl Yasemin Taylan keine Deutsche ist, engagiert sie sich gegen Atomkraft. Die gebürtige Türkin demonstrierte am 25 April mit Bekannten gegen das Atomkraftwerk in Biblis. Die 23jährige Mathematik- und Psychologiestudentin der TU Darmstadt passt so gar nicht in das Klischee einer desinteressierten Migrantin. Wie viele andere Bürger fühlt sie sich von den Politikern hintergangen, da die Reaktoren des ältesten AKW’s Deutschlands schon längst hätten vom Netz genommen werden sollen.
Feri Nguyen: Was war Ihre persönliche Motivation, an der Anti-Atomkraft-Demo in Biblis teilzunehmen?
Yasemin Taylan: Das Atomkraftwerk in Biblis liegt in der Nähe meines Heimatortes Hofheim im Ried. Sollte es dort jemals zu einem Zwischenfall kommen, würde ich mein Zuhause und vielleicht sogar meine Familie verlieren. Da die Reaktoren des Atomkraftwerks Biblis schon 2009 und 2010 hätten abgeschaltet werden sollen, bin ich besonders daran interessiert.
Nguyen: Wie haben Sie den Tag erlebt?
Taylan: Erst einmal musste ich meine Eltern überreden, dass ich überhaupt auf die Demonstration gehen darf. Ich habe meinen Cousin mitgenommen und wir haben uns mit ein paar Freunden und Bekannten getroffen. Mein Cousin war erst etwas zurückhaltend und wusste nicht was er dort soll. Am Ende war er einer der Menschen, die am lautesten waren. Im Laufe des Tages haben wir viele Bekannte aus dem alevitischen Kulturzentrum getroffen, die unabhängig von uns an den Demonstrationen teilgenommen haben. Insgesamt war die Atmosphäre friedlich. Das kannte ich bisher noch nicht.
Nguyen: War das die erste Demonstration an der Sie teilgenommen haben?
Taylan: Ich war schon öfter auf den Demos zum Tag der Arbeit am 1. Mai. Allerdings waren diese meist in Mannheim und ich musste große Überzeugungsarbeit bei meinen Eltern leisten. Im Fernsehen sehen sie ständig gewalttätige Auseinandersetzungen und wollten mich deshalb nicht gehen lassen. Sie dachten am Anfang, dass es auf jeder Demo zu Ausschreitungen und Gewalt kommt. Naja, sie sind eben mit dieser Protestkultur nicht so vertraut.
Nguyen: Sie haben bis heute keine deutsche Staatsbürgerschaft aber möchten sich trotzdem politisch engagieren?
Taylan: Ich bin hier in Deutschland geboren, war von der ersten bis zur zwölften Klasse auf deutschen Schulen und besuche jetzt eine deutsche Universität. Ich sehe mich als ein Teil des Landes und möchte auch dazu beitragen, dass wir hier weiter in Ruhe und in Freiheit leben können.
Nguyen: Ohne deutsche Staatsbürgerschaft dürfen Sie nicht wählen. Finden Sie das gerecht oder sollte man Ihrer Meinung nach etwas daran ändern?
Taylan: Ich denke, es kann nicht gut sein, wenn man die Gedanken und Bedürfnisse von mehreren Millionen Menschen ignoriert und ihnen keine Möglichkeit gibt, sich in irgendeiner Form mitzuteilen. Es sollte vielleicht nicht jeder wählen dürfen, der erst seit zwei Wochen in Deutschland lebt. Aber viele sind schon Jahrzehnte hier und können überhaupt keinen Einfluss nehmen und vielleicht helfen, dass es besser wird. Man sollte die Menschen differenziert betrachten und nicht alle über einen Kamm scheren. Mittlerweile habe ich auch den deutschen Pass beantragt, damit ich es in Zukunft in einigen Situationen etwas einfacher habe und auch bei einigen Themen mitentscheiden kann.
Nguyen: Warum haben Sie die deutsche Staatsbürgerschaft erst jetzt beantragt?
Taylan: Da meine Eltern beide die türkische Staatsbürgerschaft haben, erhielt ich diese auch automatisch. In meinem Fall konnte ich erst mit 18 Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Dafür musste ich noch einige Zeit sparen. Das kostet alles in allem ungefähr 900 Euro, was nicht gerade wenig Geld für eine Studentin ist.
Nguyen: Sind sie der Meinung, dass andere Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft sich auch mehr engagieren sollten?
Taylan: Ja, aber leider ist dies oft nicht der Fall. Viele denken, dass sie die Probleme hier nichts angehen, da sie sich eher als Gäste fühlen statt als deutsche Staatsbürger. Man muss es bei älteren Menschen auch verstehen, sie kennen das Mitspracherecht nicht und vor Staatsorganen haben sie meist Angst. Deswegen nehmen viele Menschen an diesen Demonstrationen nicht teil. Für sie ist es etwas großes Unbekanntes, das vielleicht Gefahr birgt. Die Leute sollten sich dennoch engagieren und ihre Angst überwinden.
Nguyen: Man sieht häufig Demonstrationen von Kurden oder anderen Volksgruppen, die gegen Vorfälle in ihren Heimatländern protestieren. Manche stört es und andere unterstützen diese Proteste. Wie sehen Sie das?
Taylan: Ich nehme an solchen Demonstrationen nicht teil, da sie mich nicht betreffen. Aber grundsätzlich finde ich es gut, wenn die Menschen versuchen auf Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen. Allerdings geht es bei solchen Protesten meist um Gebiete oder um Auseinandersetzungen in den Heimatländern. Diese Dinge betreffen nicht alle Menschen hier im Land, was bei den Anti-Atomkraft-Demonstrationen anders ist. Ich lebe schließlich hier und nicht in der Türkei. Wenn sich dort etwas ändert, hat das keine unmittelbaren Auswirkungen auf mein Leben. Wenn sich in Deutschland etwas ändert, egal ob ich es will oder nicht, dann hat das direkte Auswirkungen auf mein Leben.
Nguyen: Was versprechen Sie sich von solchen Demonstrationen?
Taylan: Demonstrationen erzeugen Aufmerksamkeit und werden von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Je mehr Menschen an solchen Protesten teilnehmen desto höher ist die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und umso weniger können die Zuständigen die Forderungen der Demonstranten ignorieren.
