Protest kann wunderbar in den Alltag integriert werden. Es geht schließlich nicht nur ums Demonstrieren oder Fahnenschwenken. Dass auch der Protest im Alltag nicht immer nur friedlich abläuft, zeigt ein Beispiel aus Egelsbach.
Hüpf, spring, platsch. Es darf wieder geschwommen und getobt werden. Am 14. Mai hat das Freibad in Egelsbach erneut seine Pforten geöffnet. „Zum Glück!“, sagt Else Wannemacher, die Stammgast ist, seit das Schwimmbad im Jahr 1972 öffnete. „Ich freue mich jedes Jahr, wenn ich wieder schwimmen gehen kann“, sagt sie und faltet ihr großes Badehandtuch.
Die Kleinstadt Egelsbach zählt rund 10.000 Einwohner und liegt circa 23 Kilometer südlich von Frankfurt. Bekannt ist das Städtchen durch den Flugplatz für Sportflugzeuge und Propellermaschinen. Am Ortsrand, eingebettet zwischen Wohngebiet und Sportplatz, liegt das Freizeitbad. Leider ist es nicht mehr selbstverständlich, dass das Bad jedes Jahr wieder seine Schwimmbecken zur Verfügung stellt.
Engagement und Protest sind nicht nur Themen für junge Aktivisten, die an Demonstrationsmärschen teilnehmen, Plakate bemalen und Fahnen durch die Luft wirbeln. Demokratische Mitsprache hat viele Facetten und beginnt vor der eigenen Haustüre. Stellvertretend dafür stehen die zahlreichen Bürgerinitiativen und Fördervereine, in denen wirklich jeder etwas bewirken kann. So auch in Egelsbach.
Egelsbach will sparen und daher wurde im Sommer 2003 ein Schreckensszenario skizziert: Das Schwimmbad sollte geschlossen werden. Sofort legten engagierte Bürger Unterschriftlisten aus und auch Else Wannemacher trug sich in die Liste ein. „Das ist doch wichtig, nicht nur für mich, sondern für viele Egelsbacher“, sagt sie. Als kurz darauf der Förderverein für das Freibad Egelsbach gegründet wurde, zögerte sie nicht, dem beizutreten. „Mir würde einfach etwas fehlen, wenn ich im Sommer nicht jeden Tag schwimmen gehen könnte”, sagt die 81-jährige. Sie wohnt vom Schwimmbad nicht weit entfernt und es ist ein Stück Lebensfreude und Gesundheit, das sie mit ihrem täglichen Ritual verbindet. Sie sei auch mit ihren Enkelkindern gerne hierher gekommen.
Der Förderverein zählt rund 400 Mitglieder und entlastet die Haushaltskassen mit tatkräftiger Unterstützung. Ehrenamtlich haben einige Mitglieder das Schwimmbadgelände in Schuss gehalten: Der Rasen wurde gemäht, Hecken geschnitten und Malerpinsel geschwungen. Um wieder mehr Geld in die Schwimmbadkasse zu spülen, hat der Förderverein an Festen, wie dem Weihnachtsmarkt, teilgenommen und den Erlös gespendet. Ein gutes, solides Prinzip, das bis heute funktioniert. „Ich bin froh, dass ich mit meinem Mitgliedsbeitrag den Verein unterstützen kann“, sagt Wannemacher. Der Beitrag beträgt in diesem Fall 20 Euro pro Jahr.
Erstmals in der Vereinsgeschichte ist allerdings unsicher, ob auch dieses Jahr Spendenaktionen ausgerichtet werden. „Es gab im letzten Sommer Streitigkeiten mit Bürgermeister Rudi Moritz“, erklärt Wannemacher. In dem Streit wurden schwere Vorwürfe laut. „Wenn in so einer kleinen Stadt ein Bademeister der sexuellen Belästigung beschuldigt wird, ist das sehr gefährlich und macht schnell die Runde“, sagt der Bürgermeister.
In diesem Zuge wurde dem Förderverein kollektiv Hausverbot erteilt, ein Teil der Mitglieder legte daraufhin ihr Amt nieder. Auch der Schaukasten des Vereins auf dem Schwimmbadgelände wurde vorzeitig abgehängt.
Der Verein legte Beschwerde ein. Anfang Mai wurde bekannt, dass Landrat Oliver Quilling den Bürgermeister auf sein Fehlverhalten hingewiesen hat.
Das Hausverbot sei ungültig und auch der Schaukasten hänge wieder. „Ich habe damals überreagiert“, räumt der Bürgermeister im Nachhinein ein. „Allerdings hat sich der Verein teilweise zu sehr in Gemeinde- und Personalfragen eingemischt“, so Moritz weiter. Es gäbe einfach Grenzen, er schätze ansonsten das Engagement. Einige Bewohner der Kleinstadt sahen bei vereinzelten Mitgliedern ebenfalls ein gewisses „Überengagement“ und waren nicht überrascht, dass es letztlich zu einem Streit kam.
Aber über die Rettung des Bades sind alle froh:„Ich komme gerne hierher“, sagt Timo Münzenberg, der mit seinen beiden Kindern das Bad besucht. Der 34-jährige schätzt insbesondere das Nichtschwimmerbecken für seine Töchter. „Hier können sie schön planschen und ich habe alles gut im Blick“, so Münzenberg weiter. Die beiden Kleinen lachen und tauchen derweil so gut sie können. „Toll!“, quietscht die Siebenjährige auf die Frage, wie es ihr hier gefällt. Schon holt sie wieder Luft, um erneut abzutauchen. Bleibt zu hoffen, dass das Schwimmbad auch in Zukunft erhalten bleibt.


Es ist immer wieder schön zu sehen, wenn der Protest aus der Bevölkerung auch etwas bewirken kann. Nach Stuttgart 21 hatte man da ja ein bisschen den Glauben verloren.