„Peinlich“, sagt eine Passantin über die kleine Gruppe, die sich am Samstag, dem 28. Juni, am Willy-Brandt-Platz versammelt hat. „In den 70er Jahren konnte man sich die Demonstrationen aussuchen, zu denen man geht – und auf jeder waren mindestens 5.000 Leute“. Doch den Menschen, die heute in einem kleinen Kreis unter dem riesigen Eurozeichen vor der Commerzbank sitzen, geht es nicht um lautes Getöse und Masse. Sie wollen sich beraten und austauschen, wie sie der spanischen Bevölkerung und der „Echte Demokratie JETZT“-Bewegung helfen können.Seit die Proteste der empörten Jugend in Spanien vor knapp zwei Wochen begonnen haben, formierten sich auf den sozialen Netzwerken auch Solidaritätsgruppen in der Bundesrepublik. So wie die Frankfurter Gruppe DEMOCRACIA REAL YA! FRANKFURT. Gegründet wurde die Gruppe von der 30-jährigen Spanierin África Periañez. Letzte Woche ist sie an der Puerta del Sol in Madrid gewesen und hat gemeinsam mit mehreren tausend Menschen für gerechte Demokratie in Spanien demonstriert. „Als ich dann zurück nach Deutschland kam, war ich überrascht, dass man in den Medien davon kaum etwas mitbekam“. Mit der Gruppe will sie nun die Menschen über die Geschehnisse informieren und den Protest unterstützen.
Nach der Ankündigung im sozialen Netzwerk Facebook, sind knapp 40 Menschen erschienen. Einige stellen sich vor – so etwa der 22-jährige Spanier Victor, der es satt hat im Ausland nach einem Job zu suchen. Die spanische Studentin Sonja ist seit knapp eineinhalb Jahren in Heidelberg, doch sie hat sich wegen ihres Studiums nur wenig mit Politik beschäftigt. Jetzt möchte sie helfen und den Protest von Deutschland aus unterstützen. Auch die ältere Generation ist heute vertreten. „1968 war ich 18 Jahre alt“, witzelt ein spanischer Mann, der sich der bunten Runde vorstellt. Er lebt seit 30 Jahren in Deutschland, doch die Situation in Spanien geht nicht an ihm vorbei.
Debattiert wird bei dem Treffen hauptsächlich auf Spanisch. Doch mit der Zeit haben sich auch Übersetzer für die deutschen Teilnehmer gefunden, die hier sind um sich zu solidarisieren. Mein Übersetzer ist der 30-jährige Sebastian Ziegler aus Frankfurt. Vor fünf Jahren hat er jeweils ein Jahr in Spanien und in Südamerika studiert. Da er auch eine spanische Freundin hat, liegt ihm die Zukunft des Landes besonders am Herzen. Deswegen ist er schon auf drei Treffen der facebook-Gruppe gewesen. Letzten Samstag, am 21. Juni, waren es knapp 200 Menschen, die sich in Frankfurt zusammengefunden und demonstriert haben. „Doch eigentlich gefällt es mir, dass die Menschen miteinander reden und diskutieren – dass es keine grölende Masse ist“, sagt er.

Eine Aktivistin legt ein Foto aus Barcelona nieder. Am Freitag war es dort während der Proteste zu Ausschreitungen und mehreren Verletzten gekommen.
Und diskutiert wird reichlich. Vor allem darüber, wie man sich als Frankfurter Gruppe organisieren kann und welche Inhalte verbreitet werden sollen. Vier Punkte, die sich mit den Forderungen der spanischen “Democrácia real YA”-Bewegung decken, sind den Teilnehmern besonders wichtig: Wahlrechtsreform, das Ende der Korruption, eine effektive staatliche Gewaltenteilung sowie Kontrollmechanismen durch das Volk. Der Informationsfluss über Spanien ist ein großes Problem, sagen sie. Vier kleinere Arbeitsgruppen sollen hierbei helfen und sich in den Städten treffen, aus denen die heutigen Teilnehmer kommen: Frankfurt, Mainz, Darmstadt und Heidelberg. Die Themen werden an die Gruppen verteilt und von ihnen für eine Generalversammlung bearbeitet, in der die Aktivisten konkrete Lösungsansätze diskutieren wollen. Das Ergebnis der Debatte wollen sie „Sol“ in Spanien weitergeben. Darüber hinaus soll es nicht nur in Spanisch, sondern auch auf Deutsch kommuniziert werden.
„Wir sind Marionetten“, sagt África Periañez in einer ihrer Reden. Der Mensch müsse sich endlich wieder wichtig fühlen. Viele der Anwesenden – ob jung oder alt – haben durch die Entwicklungen in Spanien wieder Hoffnung geschöpft, dass man endlich aufgewacht ist und zusammen etwas verändern kann. Auch als kleine Gruppe. „Es fängt doch alles im Kleinen an“, sagt Sebastian Ziegler.

