Das starke Band der Protestfamilie

Judyta Smykowski hat sich auf den Weg nach Stuttgart gemacht, zu einer Kundgebung gegen Stuttgart 21. Sie hat die Demonstranten, meist älterer Generation, beobachtet und mit ihnen gesprochen.

Es wird eine gemütliche Kundgebung gegen Stuttgart 21. Beinahe wie während einer Kaffeefahrt, mag man denken, wenn man die zahlreichen Menschen vom Ausgang Arnulf-Klett-Platz her kommen sieht, die meist die 60 schon überschritten haben. Sie tragen Anti-Stuttgart 21 Buttons auf Hemden, Taschen und Hüten. Heute sind ungefähr 150 gekommen. Es ist zu erkennen, dass die Demonstranten eine zusammengeschweißte, kommunikative Truppe sind, sie umarmen sich zur Begrüßung, halten sich Plätze vor der Bühne frei. Sie diskutieren in familiärer Atmosphäre und bestätigen sich in ihrem Unmut. Junge Menschen erblickt man allerdings fast nur hinter den Ständen mit Infomaterial.

Schon bald ist die freundliche Ruhe der Senioren allerdings verflogen, sie zücken die Trillerpfeifen und schwingen grüne K 21(Kopfbahnhof)- Fahnen.

Viel erreicht haben die Demonstranten allerdings bislang nicht, wenn man den Verlauf des Großprojekts betrachtet: Offizieller Baubeginn war im Februar 2010, die Montagsdemos starteten im November 2009, der Schlichterspruch zugunsten der Gegenseite erfolgte am 1. Dezember 2010. Man muss die Protestler für ihr Durchhaltevermögen bewundern. Die Gegner des Tiefbahnhofs sind an diesem Samstag wieder motiviert und fröhlich.

Die meisten derer, die am 30. September 2010 auf der Straße waren, dem Tag, an dem die Wasserwerfer kamen, sind allerdings nicht mehr dabei: Eine Umfrage der Forschungsgruppe Zivilgesellschaft, Citizenship und politische Mobilisierung in Europa unter den Protestlern im Oktober 2010 ergab, dass die Mehrheit damals zwischen 40 und 64 Jahre alt waren. Nur rund sieben Prozent waren jünger als 25. Die Gruppe der Rentner nahm mit 14 Prozent einen vergleichsweise großen Anteil der Demonstrierenden ein. An dieser Verteilung hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn insgesamt weniger anwesend sind.

Das Programm der Kundgebung beginnt. Prof. Grottian, emeritierter Politikwissenschaftler hält eine laute und durchdringende Rede. Zum Ende der Ansprache ist seine Stimme am Rand des Versagens. Mit letzter Kraft brüllt er: „Macht Stuttgart zum Tahir-Platz!“ Die Anwesenden klatschen begeistert.

Mathias Oomen, Pressesprecher des Fahrgastverbands „Pro Bahn“ begrüßt in seinem Vortrag besonders die Mitglieder der SPD. Diese geben sich freimütig zu erkennen, schwingen leuchtend rote SPD-Flaggen, sind aber im Moment ihrer Erwähnung etwas überrascht.
Die Demonstranten pusten fleißig in ihre Trillerpfeifen, haben dabei nicht selten Ohropax in den Ohren. Ein Mann hat einen Rucksack dabei, darauf Protestbuttons, „aber diese Zeichen bringen keine spontanen Gespräche außerhalb der Kundgebungen. Liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich eher Einsiedler bin“, fügt er ein wenig traurig hinzu. Er findet es „schon ein bisschen schizo“, dass die S 21-Gegner, die nicht unmittelbar aus Stuttgart kommen, zu den Kundgebungen meist mit der Bahn anreisen. Es bilden sich Gemeinschaften, man teilt sich das Baden-Württemberg-Ticket.

„Wir sind Mutbürger, keine Wutbürger“ sagt eine ältere Frau ein wenig stolz, die einen Karton „Protest-Kekse“ in den Händen hält. Auf die Schlichtung durch Heiner Geißler angesprochen, winkt das Grüppchen nüchtern ab: „Ach, diese Schlichtungsshow“. Die kam bei den befragten S21-Gegnern nicht so gut an.

Der Regierungswechsel zu Grün-Rot hat den Protesten, so scheint es, keinen großen Aufwind verschafft. Sie zweifeln daran, dass ein Volksentscheid geben wird. Falls doch, „ist es durch die Verfassung praktisch unmöglich, dass das Aus des Projekts kommt“ merkt eine Dame an. Und weiter klagt sie: „Unsere Verfassung hat dabei sogar mehr Hürden, als die bayrische!“. Der Tag im Zeichen des Protests in Stuttgart neigt sich dem Ende. Eine Frau, die noch mitten in der Menge steht, meint stolz: „das, was durch die Proteste zusammengewachsen ist, bleibt, auch wenn die Demonstrationsbewegung scheitern oder zu nichts führen sollte.“

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2 Antworten auf Das starke Band der Protestfamilie

  1. Nana sagt:

    Ich frage mich, an welcher Demo Judyta Smykowski teilgenommen hat, und vor allem : OB sie überhaupt teilnahm. Weiß sie wovon sie schreibt? Es waren an der Demo nicht 150 Teilnehmer sondern ca 7000! und so gibt es viele Unwahrheiten in dem Text- man müsste wirklich Zeile für Zeile korrigierren- dafür ist mir mein freier Tag zu schade. –> um Texte von Judyta Smykowski mach ich in Zukunft einfach einen großen Bogen- Wahrheitsgehalt = O !!!

    • Judyta Smykowski sagt:

      In meinem Artikel zur Veranstaltung gegen Stuttgart 21 am 21. Mai habe ich nur den Auftakt zu der Demonstration beschrieben. Ich bedauere, wenn dies im Text nicht deutlich geworden sein sollte. Zur späteren Kundgebung waren laut Polizeibericht 2500 Menschen anwesend, die Veranstalter sprechen von 7000 Teilnehmern.

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