Im Kleinen fängt es an

Stefan Zitzmann, Gründer der Bürgerinitiative „SOS Mathildenhöhe Darmstadt“

Es sind nicht nur die Großprojekte wie „Stuttgart 21“ oder die Anti-Atomkraft-Demonstrationen, für welche die Menschen auf die Straße gehen. Schon bei wesentlich kleineren Projekten beteiligen sich die Bürger, legen Widerspruch gegen Planungsentwürfe ein und fordern die Anhörung ihrer Bedenken. Einer von ihnen ist Stefan Zitzmann, Gründer und Sprecher der Bürgerinitiative „SOS Mathildenhöhe Darmstadt“. Die Initiative hat sich gegen den Bau eines Museums am Südhang der Mathildenhöhe eingesetzt– mit Erfolg.

Die Darmstädter Mathildenhöhe ist berühmt für ihre Jugendstilgebäude. Im Mai vergangenen Jahres beschloss das Stadtparlament den Bau eines Museums, welches ein Künstlerehepaar der Stadt stiften wollte. Erst zwei Monate später wurde der Beschluss den Bürgern präsentiert.
Die Darmstädter Bevölkerung fühlte sich übergangen und befürchtete den Verlust ihres Jugendstilensembles auf der Mathildenhöhe.

„Angefangen hat das Ganze mit einer kleinen Facebook-Gruppe, die ich gegründet habe. Zunächst fanden sich dort nur 50 bis 100 Mitglieder. Doch inzwischen ist diese Gruppe auf über 800 Mitglieder gewachsen und mit unserer Unterschriften-Aktion konnten wir 8000 Stimmen sammeln.“, erzählt Stefan Zitzmann. Er ist selbst überrascht, über den Zuspruch.
Der 46-jährige Barkeeper und Clubbesitzer war über die Entscheidung für den Bau des Museums empört. „Der Entschluss, dieses Museum bauen zu lassen, ist unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit gefallen. Wenn es um die Kultur geht und um ein Stückchen der Erinnerung, dann muss der Bürger gefragt sein“, so Zitzmann. Er selbst wohnt zwar nicht auf der Mathildenhöhe, interessiert sich aber für Stadtbau und Stadtgeschichte. Deshalb beschloss Zitzmann im Juli vergangenen Jahres die Gründung der Bürgerinitiative.
„Ich war der erste, der die Hand gehoben hat; und das Gefühl, dass man Widerstand leisten muss, ist auf Nährboden gestoßen.“ Zu seiner Schulzeit sei er als Schulsprecher engagiert gewesen, anderen Initiativen aber vorher noch nicht beigetreten. „Ich habe mich zwar immer lautstark artikuliert, allerdings nie in der Öffentlichkeit“, erzählt er lachend. Schnell fand er auch andere Mitstreiter. „Es verbreitete sich wie ein Lauffeuer“, berichtet er. Immer mehr Menschen unterstützten die Initiative. „Irgendwann bist du dann an dem Punkt angelangt, wo du dich fragst: Was passiert hier eigentlich gerade?. Wenn ein gewisses Grundpotential an Interesse da ist, ist es super leicht, Menschen für deine Initiative zu gewinnen“, so Zitzmann.
Um auf sich aufmerksam zu machen verschickte die Bürgerinitiative Presseerklärungen, organisierte Führungen auf der Mathildenhöhe und eine Podiumsdiskussion mit den vier Oberbürgermeisterkandidaten. Vorschläge für Alternativlösungen, wie etwa den Bau des Museums auf der Ostseite der Mathildenhöhe, lieferte die Initiative ebenfalls.
Und sie sammelte Unterschriften und informierte die Passanten in der Fußgängerzone über ihr Anliegen. „Das Wichtigste ist Klinkenputzen“, erklärt Zitzmann. „Zudem haben wir Wahlempfehlungen ausgesprochen und konnten die Unterschriftenlisten dem ehemaligen Oberbürgermeister vorlegen.“

 

Doch auch in seinen Augen gibt es immer noch zu wenig Menschen, die sich in Bürgerinitiativen engagieren. Er selbst habe zwar auch nicht bei jeder Kommunalwahl seine Stimme abgegeben , doch inzwischen sei ihm bewusst geworden, dass Veränderungen durch einen einzelnen Bürger nur auf der Kommunalebene möglich sind.
Genau das sei es, so Zitzmann, was die Menschen nicht erkennen würden. „Die Leute nutzen ihr Machtpotenzial nicht, oder sie scheitern an ihrer eigenen Trägheit.“ Gerade bei jüngeren Leuten sei ihm die „Alles-Egal-Haltung“ aufgefallen. „Es ist immer noch die ältere Generation, die sich engagiert. In der Initiative bin ich im Beirat mit meinen 46 Jahren mit Abstand der Jüngste“, erzählt Zitzmann.
Auf den Erfolg der Bürgerinitiative ist Zitzmann stolz. „Wir haben es geschafft, den alten Oberbürgermeister abzuwählen und alle Parteien dazu zu bringen, gemeinsam mit uns nach einer Lösung zu suchen.“ Die Initiative konnte den Bau des Museums auf der Mathildenhöhe abwenden. Doch die Arbeit an diesem Projekt beenden will Zitzmann noch nicht. Die Initiative könne sich eigentlich auflösen, doch sie wolle der Stadt noch als Ansprechpartner zur Seite stehen, bis das Museum gebaut sei.
Ob er noch mal einer Initiative beitreten würde, kann Zitzmann nicht mit Bestimmtheit sagen. „Man muss ja auch nicht jeden Quatsch mitmachen, wie diese Berufsdemonstrierer.“ Seine Themen sind Stadtbau und Stadtgeschichte. Sollte da wieder etwas passieren, werde er natürlich wieder den Mund aufmachen. „Die Leute erwarten das ja auch von mir.“, so Zitzmann. Doch auch allen Anderen kann er nur raten, aus dem Sessel aufzustehen, die Hand zu heben und zu sagen: SO nicht!

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