Schuldenfalle Olympia?

„Möge der Kelch an München vorüber gehen“

Willi Rehberg

Willi Rehberg

Seit rund eineinhalb Jahren engagiert sich die Initiative “NOlympia” gegen die Bewerbung Münchens für die Olympischen Spiele 2018. In den letzten Monaten unterstützte auch der bekannte Finanzexperte und Salzburger Olympia-Kritiker Willi Rehberg die Protestbewegung. Der ehemalige Unternehmer beschäftigte sich vor allem mit dem wirtschaftlichen Hintergrund Olympischer Spiele. Dazu nahm er Unterlagen, Verträge und Bilanzen genauer unter die Lupe und klärte sein Publikum in zahlreichen Vorträgen über die finanziellen Kosten auf. In seiner Heimat setzte sich Rehberg bereits drei Mal erfolgreich gegen die Bewerbungen Salzburgs um die Olympischen Spiele 2004, 2006 und 2010 ein.

play Willi Rehberg im persönlichen Gespräch

Herr Rehberg, was entgegnen Sie jemandem, der Sie als Spielverderber bezeichnet?
Ich wäre sehr stolz. Damit würde man mir anerkennen, mitgeholfen zu haben, dass Salzburg den Zuschlag nicht erhalten hat. Dadurch ist uns viel erspart geblieben. Viele Politiker oder Vertreter aus der Wirtschaft, mit denen ich damals zur Verhinderung der Olympischen Spiele hart gekämpft habe, klopfen mir mittlerweile auf die Schulter und bedanken sich.

“Knebelvertrag”, so wird oftmals der „Host-City-Contract“, der Vertrag zwischen Bewerberstadt und dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC), bezeichnet. Kommen Sie zu dem gleichen Ergebnis?
Der Begriff stammt von den Juristen der Salzburger Landesregierung. Die haben dieses Machwerk genau geprüft und haben festgestellt, dass es kein Vertrag im eigentlichen Sinne – mit Rechten und Pflichten für beide Seiten – ist. Vielmehr ist es eine vollständig einseitige Verpflichtungserklärung einer Stadt, ein riesiges Spektakel durchzuführen und dafür vom IOC einen bestimmen Betrag zu erhalten. Aber wie viel und ob überhaupt Geld vom IOC fließt, entscheidet einzig und allein das IOC selbst. Es ist also ein einseitiger Vertrag, der gegen die guten Sitten verstößt, wie sie sonst in den allgemeinen, bürgerlichen Gesetzbüchern stehen.

Das finanzielle Risiko bleibt also allein bei den Veranstaltern?
Absolut und das IOC trägt überhaupt kein Risiko. Es lässt die Olympischen Spiele durchführen und zahlt dann nach eigenem Gutdünken einen bestimmten Betrag.

Wie hoch schätzen Sie denn die Kosten, die durch Olympia für München insgesamt entstehen würden?
Sechs bis sieben Milliarden werden da schon zusammenkommen. Es ist aber unglaublich schwer, die Kosten realistisch zu schätzen, weil sie überall versteckt sind. In dem Report der IOC-Evaluierungs-Kommission kam heraus, dass viele der Kosten in den laufenden Budges untergebracht sind. So sind zum Beispiel die Sicherheitskosten mit einem Bruchteil der tatsächlich aufgelaufenen Kosten aus Vancouver, die im letzten Jahr die Winterspiele ausgetragen haben, veranschlagt. Der Rest sei im normalen Budget, im Polizeibudget des Innenministers, versteckt.

Olympische Spiele sind also ihrer Ansicht nach eine Schuldenfalle?
Ganz klar. Das Geld fehlt dann letztendlich in den normalen Budgets und das kommt erst später ans Tageslicht. Man erstellt einen Finanzplan und dann sagt der Innenminister plötzlich, dass er im nächsten Jahr fünfzig Prozent mehr Geld für die Polizei braucht. Und so entsteht die Schuldenfalle. Das ist ja nichts Neues. In Montreal hat man nach den Spielen von 1976 30 Jahre lang die Schulden abbezahlt.

Sie gehen sogar noch einen Schritt weiter und sind überzeugt, dass für die griechische Finanzkrise auch die Olympischen Spiele 2004 in Athen verantwortlich sind.
Athen hat sich um die Sommerspiele 2004 beworben, ohne dass eine einzige – damals noch – Drachme vorhanden war. Man hat die Spiele durchgeführt und dafür Anleihen ausgegeben. Insgesamt haben die Spiele dann 13 Milliarden Euro gekostet. Inzwischen sind die Kosten auf 16 bis 17 Milliarden Euro angewachsen. Die sind also ein Teil des Gesamtschuldenbetrages, von dem die Bundesregierung im Rahmen des Finanzpaketes 20 bis 25 Prozent übernehmen wird.  Bedeutende Leute in Griechenland sagen, dass es eine Art vorgezogener Abwrackprämie für die Bauwirtschaft war. Zudem hat man jetzt Sportanlagen, die nicht genutzt werden und nur Geld verschlingen.

Würde München das gleiche „blaue Wunder“ erleben?
Mit großer Wahrscheinlichkeit. Die Olympischen Spiele werden mehr kosten als ursprünglich angegeben wird, das zeigt die Vergangenheit. Solange man in den Olympischen Annalen blättern kann, ist das der Fall. Es müsste schon ein Wunder geschehen, wenn es am Ende bei den veranschlagten Kosten bleiben würde.

Würde die Region München, Garmisch-Partenkirchen und Berchtesgaden nicht langfristig einen touristischen Boom durch die Olympischen Spiele erleben?
Ich verstehe nicht, auf welcher Grundlage dieses Argument basiert. Wenn man sich mit den Touristenzahlen beschäftigt, kommt man zu einem ganz anderen Ergebnis. Die Winterspiele in Vancouver z.B.: Der sicherste Nachweis für die einreisenden Touristen sind die Fluggastzahlen des Internationalen Flughafens in Vancouver. Daran ist abzulesen, dass im Olympia-Jahr 2010 nicht mehr und nicht weniger Touristen kamen als 2009, aber viel weniger als 2008. Und auch 2011 hat sich nichts getan. Also Olympia hat überhaupt keinen positiven Einfluss, eher einen negativen. In Athen wurde folgendes nachgewiesen: Im Jahr der Spiele kamen schon weniger Gäste, aus Angst, dass keine Zimmer mehr frei sind und im Jahr danach waren die Zahlen noch schlechter. In Turin merkt man auch nichts von einem touristischen Boom.

Am 8. Mai wurde in Garmisch-Partenkirchen per Bürgerbegehren über  „Ja“ oder „Nein“ zur Olympiabewerbung Münchens entschieden. Gerade einmal 58 Prozent stimmten für Olympia. Haben Sie der Bewerbung damit ein „blaues Auge“ verpasst?
Bei dem Bürgerbegehren ging es neben „Ja“ oder „Nein“ um die Aufforderung, die Verträge von einem Verfassungsrechtler prüfen zu lassen. Es ging nur 49 Prozent zu 51 Prozent aus. Am Ende fehlten 120 Stimmen. Als Erfolg für die Bewerbergesellschaft würde ich es alles in allem deshalb nicht bezeichnen, denn von dieser Seite wurde laufend behauptet, dass niemand gegen Olympia 2018 ist. Das Bürgerbegehren hat gezeigt, dass Olympia interessiert, schließlich gab es eine unglaubliche Wahlbeteiligung von 60 Prozent. Ob es letztendlich ein „blaues Auge“ ist, traue ich mich nicht zu beurteilen. Das weiß man bei den IOC-Mitgliedern nicht.

Die ehemalige Eiskunstläuferin Katarina Witt sagte: „Das IOC schickt seine Athleten nur dahin, wo sie mit offenen Armen empfangen werden.“ Inwieweit könnte dieser geringe Rückhalt in der Bevölkerung ein Ausschlusskriterium bei der Vergabe durch das IOC sein?
Es mag vielleicht ein Ausschlusskriterium sein, aber bei der Vergabe sind noch ganz andere Aspekte wichtig, vor allem wirtschaftliche. Es gibt Bücher, die seit Jahrzehnten festhalten, welche Kriterien eine Rolle spielen, damit man den Zuschlag bekommt.

Das Bürgerbegehren ist entschieden, viele Grundstückbesitzer wollen aber immer noch nicht ihr Land, das für mögliche Sportanlagen notwendig ist, hergeben. Sitzen die Gegner am Ende doch am längeren Hebel?
Einigung wurde lediglich mit einem einzigen Eigentümer erzielt, der direkt im Zielbereich der Abfahrt Kandahar ein Grundstück besitzt. Es gibt 69 Grundstückbesitzer, die sich gemeinsam durch einen Anwalt vertreten lassen. Dieser hat vor ein paar Tagen wiederum an das IOC geschrieben, dass seine Mandanten ihre Grundstücke nicht zur Verfügung stellen werden. Inwieweit das bei der Entscheidung des IOC eine Rolle spielt, darüber lässt sich nur spekulieren.

Am 18. Mai durften sich die drei Bewerber schon einmal vor der so genannten Technischen Kommission des IOC präsentieren. Welche Chancen hat Ihrer Ansicht nach München bei der Vergabe am 6. Juli?
IOC-Präsident Jacques Rogge hat allen Bewerbern eine ausgezeichnete Präsentation bescheinigt. Das musste er sagen, weil es nur drei Bewerberstädte gibt. In der Vergangenheit waren es immer mehr. Welche Chancen München hat, ist nur schwer zu sagen. Möge dieser Olympische Kelch an München, Garmisch-Partenkirchen und an Berchtesgaden vorüber gehen.

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