Die Speaker’s Corner in Berlin
Die eigene Meinung öffentlich rausposaunen – das ist möglich an der Speaker’s Corner in Berlin. Was diese Plattform den Bloggern im Internet und sogar Politikern voraus hat, wird bei einem Besuch am 29. Mai deutlich.
Das Mikro hängt zu hoch – dahinter steht in schwarzem T-Shirt und Jeans Regina Schödl und reckt den Kopf. „Ich denke, viele Lacher werden bei meiner Rede nicht aufkommen, aber vielleicht kann ich den einen oder anderen zum Nachdenken anregen“, erklärt sie ihrem Publikum zu Beginn. Heute ist sie auf dieses Podest gestiegen, um das Bild, dass die Medien von Hartz IV-Empfängern verbreiten, gerade zu rücken. Die 40jährige ist Referentin eines Wohlfahrtsverbandes und kennt viele der Schicksale, die sich hinter den gängigen Vorurteilen verbergen. Mit ruhiger Stimme und ernstem Blick berichtet sie den Menschen, die vor ihr auf einer Wiese sitzen, davon. Während ihres Vortrags werden diese immer leiser, einige nicken zustimmend und bei manchen bilden sich Denkfalten zwischen den Augenbrauen.
Knapp 200 Leute haben sich um das Schildchen mit der Aufschrift “Berliner Speaker’s Corner” versammelt. Hier veranstalten die Organisatoren der “Berliner Redekurse” heute ihr Redefest. Vor dem Schild haben sie eine kleine Bühne aufgebaut, einige Kissen ausgelegt und Sonnenschirme aufgestellt. Jeder, der möchte, darf eine Rede vor Publikum halten. Die Speaker’s Corner liegt auf dem Gelände des stillgelegten Flughafens Tempelhof. Es ist sommerlich warm an diesem Sonntag, dem 29. Mai und das gesamte Areal ist voll mit Ausflüglern. Einige der Besucher haben bereits in der Zeitung von dieser Veranstaltung erfahren, andere kommen rein zufällig vorbei und setzen sich neugierig dazu. Hier findet jeder die Bühne für sein Anliegen. Alles ist erlaubt – nur rassistische und diskriminierende Inhalte sind tabu. Am Ende des Tages soll eine Jury den besten Redner küren. Zunächst melden sich nur vier Mutige für den Wettbewerb an, aber im Laufe des Nachmittags wagen sich immer mehr Zuschauer spontan auf die Bühne. Am Ende sind es zwölf Redner, die über die unterschiedlichsten Themen sprechen.
Eine Plattform für Alle
„Ich glaube ja, dass die Leute gehört werden wollen”, sagt der Veranstalter Peter Lüder. „Sich äußern zu können, seine Interessen vertreten zu können und so wieder ein Teil des Meinungsbildungsprozesses zu werden, das ist hier das Angebot.” Der 45jährige ist Theaterregisseur und Rhetorikcoach. Vor knapp einem Jahr hat er die Sprecherecke nach dem Vorbild im Londoner Hyde Park gegründet. Der Grundgedanke dahinter sei gewesen, der Politikverdrossenheit hierzulande entgegen zu wirken. Einerseits hat Lüder festgestellt, dass sich immer mehr Menschen von der Politik nicht mehr richtig vertreten fühlten, anderseits aber auch, dass die Hürden sich aktiv zu engagieren für viele zu hoch seien. Auch die Entscheidungen der Politiker seien für viele nicht mehr nachvollziehbar. Daher wollte er eine Plattform schaffen, auf der auch Nicht-Profis in der Öffentlichkeit zu Wort kommen können.
Die Kluft zwischen Bürgern und Politik ist groß - das bestätigt eine Forsa-Umfrage, die im Mai im Magazin Stern veröffentlicht wurde. Laut Forsa-Institut vermissen 83 Prozent eine klare Linie in der Politik. Darunter leidet auch die Glaubwürdigkeit der Politiker. 63 Prozent der Befragten glauben, dass die Politiker nicht die Interessen des Landes im Blick hätten, sondern eher auf ihren eigenen Vorteil bedacht seien.
Weitere Informationen zur politischen Stimmung in Deutschland finden Sie auch im Mai-Extra des ARD-Deutschlandtrend.
Glaubwürdige Redner
Bauchi kommt auf die Bühne. Er ist in weißes Leinen gehüllt und an seinen nackten Füßen kann man unschwer erkennen, dass er wohl auch sonst die meiste Zeit barfuß unterwegs ist. Zum Sprechen hat er sich auf die Kante des Podests gesetzt: „Ich bin Künstler, Comedian, Friedenstifter und Aktivist. Seit zwei Tagen versuche ich zu leben wie Jesus.” Nicht alle Redner sind so kurios wie er. Da ist zum Beispiel die Abiturientin Lara, die mit viel Ironie von ihren Erfahrungen mit der Bildungspolitik berichtet oder eine Schweizerin, die seit 20 Jahren in Berlin lebt und den Zuhörern erklärt, warum sie Deutschland so toll findet. Viele beziehen sich in ihren Vorträgen auf Ereignisse aus ihrem eigenen Leben. „Das ist es, was die Speaker’s Corner ausmacht”, meint Peter Lüder. „Hinter jeder Meinung steht ein Mensch mit einer Geschichte. Das macht sie so authentisch, so glaubwürdig.”
Meinung bekommt ein Gesicht
Bei der Speaker’s Corner stehen Redner und Zuhörer in direktem Kontakt miteinander. Das unterscheidet sie von Blogs im Internet und Politikerinterviews im Fernsehen. Hier kann sich niemand hinter einem Pseudonym verstecken oder sich durch bestimmte Kameraeinstellungen und Schnitte gezielt inszenieren. Jede Meinung kann einem Gesicht zugeordnet werden. Auge in Auge mit den Rednern kann das Publikum die Glaubwürdigkeit der einzelnen Sprecher gut einschätzen, denn keine Körperregung bleibt unbemerkt. Der wesentliche Teil der zwischenmenschlichen Kommunikation geschieht ohne Worte, über Gestik und Mimik. Joachim Bauer, Bestseller-Autor und Professor für Psychosomatik an der Universitätsklinik Freiburg, fand heraus, dass sich sogar Gefühle von Mensch zu Mensch übertragen ließen. Ist ein Sprecher von seinem Thema zum Beispiel sehr betroffen, könne sich das auf die Zuhörer übertragen. Und genau dies unterscheidet die Redner in Tempelhof von vielen Politikern: Als Zuhörer muss man ihre Ansichten nicht teilen – aber dennoch wirken sie zu 100 Prozent authentisch.
„Ein vollkommen gelungener Nachmittag”, resümiert eine Besucherin. Tagessiegerin und Gewinnerin eines Rhetorikseminars wird übrigens die Schweizerin Kathrin Schafroth, die uns unser Land aus einer anderen Perspektive zeigt. An der Speaker’s Corner kann man eben auch einmal über den eigenen Tellerrand hinaus blicken!


