Der Protest in der Musik unterliegt heute nur wenigen Einschränkungen. Die Künstler müssen selten ein Blatt vor den Mund nehmen und können offen zur Sprache bringen, was ihnen an der Gesellschaft oder am Staat missfällt. Doch das war nicht immer so. Begeben wir uns ein Stück zurück in die Vergangenheit, zu den Wurzeln der Protestmusik – zum Ursprung des Blues.
Wir befinden uns Anfang des 18. Jahrhunderts. In Amerika expandiert die Wirtschaft. Wir stellen uns einen Plantagenbesitzer vor, der dicke Rauchschwaden in die Luft pafft.. Sein Blick schweift über die endlosen Baumwollfelder, die ihn – wie so viele andere auch – zu einem reichen Mann gemacht haben. Zwischen den Sträuchern überall Sklaven. Ihre Lieder dringen bis auf die Veranda vor. Der ältere Herr lehnt sich zurück und zieht noch einmal genussvoll an seiner Zigarre.
Im 18. Jahrhundert waren Szenen wie diese im Süden Amerikas alltäglich. Anfang des 17. Jahrhunderts hatten die Kolonialmächte damit begonnen die Einwohner West-Afrikas zu versklaven und als Arbeitskräfte in die Neue Welt zu verschiffen. In ihrer neuen Heimat fristeten sie ein erbärmliches Dasein, wurden unterdrückt und ausgebeutet. Sich zu wehren, war meist zwecklos. Als Ventil diente den Sklaven die Musik. Während der Arbeit auf den Plantagen sangen sie gemeinsam gegen ihre Schmerzen und Probleme an.
Down South when you do anything that’s wrong,
They’ll sure put you down on the county farm.
Put you down under a man called Captain Jack
He’ll sure write his name up and down your back.
(adaptierte Version von Son House, 1930)
Diese sogenannten „Field Hollers“ oder auch „Arhoolies“ wurden meist im Chor, ohne instrumentale Begleitung, gesungen und gelten als wichtige Vorläufer des Blues. Im zitierten Song wird thematisiert, dass die Sklaven sich keine Fehler erlauben konnten – es drohten Folter und Prügelstrafe. Was dabei als Fehler galt, lag immer im Ermessen der weißen Sklavenbesitzer. Zwar gab es sogar für Sklaven bestimmte Rechte, aber meist wurden diese von den Weißen eher als Handlungsempfehlungen ausgelegt.
Bemerkenswert bei diesen „Hollers“ ist aber, dass sie erste Anzeichen
von offener Auseinandersetzung in sich tragen. Die Lieder halfen den Sklaven nicht nur Last von ihrer Seele abzuwerfen und machten die Arbeit etwas erträglicher, sondern stellten gleichzeitig die einzige Möglichkeit dar, ihre Lebenssituation überhaupt zu thematisieren. Offene Meinungsäußerung oder gar Protest waren undenkbar, die afroamerikanischen Sklaven waren vom Willen ihrer weißen Herren abhängig.
Mit dem Ende des amerikanischen Bürgerkrieges 1865 ging auch die Befreiung der Sklaven einher. Sie waren nun vollwertige Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika – zumindest auf dem Papier. In der Realität aber sah sich die afroamerikanische Bevölkerung immer noch mit denselben Problemen konfrontiert. Diskriminierung und Rassentrennung waren noch lange nicht überwunden. In der Musik fand man weiterhin den meisten Trost. Doch mit der neuen Freiheit veränderte sich diese. Die Lieder wurden nicht mehr nur während der Arbeit in Gruppen gesungen. Die Musik kam nun von einzelnen, umherreisenden Musikern. Musikalisch betrachtet orientierten sich die Songs immer noch an den „Hollers“, auch wenn nun Gitarre oder Banjo die Unterstützung übernahmen. Doch genauso, wie sich die Lebenssituation der afroamerikanischen Bevölkerung geändert hatte, so änderten sich auch die Themen in ihrer Musik. Die Texte sprachen jetzt von den neuen Problemen: von Sex, Alkohol, Gefängnis und Tod.
Als der Blues dann Anfang des 20. Jahrhunderts Einzug in die Gesellschaft der Weißen hielt, wurde der offene Umgang mit diesen Themen jedoch zum Problem. Einerseits war die Musik für viele schwarze Künstler zum Lebensunterhalt geworden. Mit der Direktheit und Bildsprache des Blues konnte ein großer Teil des weißen Publikum jedoch nicht umgehen (zumal ja gerade Sexualität ein Tabuthema im frühen 20. Jahrhundert war). Andererseits war der Blues für die schwarze Bevölkerung aber auch mehr als nur Musik. Über die Jahrzehnte hinweg hatte er sich zum Ausdruck ihrer Identität entwickelt. Man wollte die Botschaften des Blues nicht verfälschen und nicht teilen. Es war die Musik der Schwarzen, für die sich jetzt plötzlich manche Teile der weißen Bevölkerung interessierten. Aus dieser Problematik heraus entstand der so genannte „double talk“. Die Botschaften des Blues wurden hinter Allegorien und Metaphern versteckt; der Blues blieb weiterhin im Besitz seiner Schöpfer.
Another man done gone, From the county farm, He had a long chain on. I didnt know his name, They did him just the same, Another man done gone.
Dieser Auszug aus dem Song „Another man done gone“(adaptiert von Odetta Holmes, 1956) zeigt, wie sich die Texte wandelten. Es wird nicht offen darüber gesprochen, dass Schwarze auch nach Ende der Sklaverei in Gefängnissen als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden, unter schlechten Bedingungen arbeiten mussten und vom Staat nicht als vollwertige Bürger betrachtet wurden. Nichtsdestotrotz finden wir auch hier wieder stillen, subtilen Protest, der für die schwarze Bevölkerung die einzige Möglichkeit war, sich auszudrücken.
Mit dem Einzug des Blues in die Tonstudios der Nation (1912) wird der Blues populär. Zwischen 1920 und 1940 werden einige der bekanntesten Stücke veröffentlicht. Zu dieser Zeit gibt es bereits die ersten Bewegungen, die für die Rechte der afroamerikanischen Bevölkerung eintreten. Im Blues schlug sich dies vor allem beim Künstler Josh White nieder. Er griff vor und während des Zweiten Weltkriegs die Rassentrennung immer wieder in seinen Texten auf.
It ought to be plain as the nose on your face There’s room in this land for every race Some folks think that freedom just ain’t right Those are the very people i want to fight… („Freedom Road“ – Josh White,1944)
Zwar brauchte man fähige Soldaten, doch auf die Hilfe der Afroamerikaner wollte man ,soweit es ging, verzichten. Dabei sahen sich viele Schwarze durchaus dazu aufgerufen, für die Freiheit in Europa zu kämpfen. Neben Josh White gab es zu dieser Zeit noch viele andere Künstler, die das Thema in ihren Stücken aufgriffen.
Nun sind die bisher dargestellten Textzeilen in ihrer Aussage und Bedeutung erläutert, aber der Protest in ihnen scheint auf den ersten Blick etwas mager. Hinzu kommt, dass der Blues ein sehr subjektives Medium war. Die Musiker erzählten in ihren Texten oft von ihrem eigenen Leben, welche Erfahrungen sie auf ihren Reisen gemacht hatten, in welche Schlamassel sie geraten waren und über Probleme, Schmerz und Leid. Die Gründe hinter diesem Leiden wurden bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein selten thematisiert. Ein Bluesmusiker sang vom farbigen Landarbeiter, der nach dem Poker das gewonnene Geld nicht mitnehmen wollte. Er thematisierte nicht, weshalb dies geschah oder weshalb es nicht mehr geschehen sollte. Im Blick war immer das Individuum, weniger die Zusammenhänge dahinter.
Dem Zuhörer war (und ist) es aber möglich, die Texte in einen gesellschaftlichen Kontext einzuordnen. Bedingt durch die Lebensumstände der Afroamerikaner und durch ihre Stellung in der Gesellschaft war es ihnen über lange Zeit schlichtweg nicht möglich, offen gegen ihre Lebensumstände zu protestieren. Sowohl in der Sklaverei, als auch nach dem Bürgerkrieg mussten sie fürchten, sich und ihre Freunde und Familien in Gefahr zu bringen, sollten sie sichtbarKritik üben. Die proteststärkeren Werke häuften sich erst ab den 30er Jahren, vor allem nach der sogenannten „Black Renaissance“. So mag der Bluesmusiker, der auf einer Parkbank sitzend von seiner leeren Geldbörse singt, nach heutigen Maßstäben kaum als Demonstrant durchgehen. Doch berücksichtigt man die Verhältnisse, entsprechen sie heute den Menschen mit den Banderolen, mit den Plakaten und Mahnsprüchen.
Dem Blues kommt somit nicht nur eine wichtige Rolle in der Musikgeschichte zu, weil viele der wichtigen und großen Musikstile, wie Jazz, Rock und Rap aus dem Blues hervorgingen, sondern er hat auch Bedeutung für die Geschichte des Protests: Nicht als Vorbild für die Generationen, die nach ihm kamen, sondern als Wegbereiter.
“In every verse, there is something hidden.” (Brownie McGhee)
Hörempfehlungen
B.C. and the Axe Gang – Rosie (Prison Holler, 1939)
Lightning & Group – Long John (Prison Holler, 1939)
Weiterführend zum Thema “Work Hollers and Prison Blues”: The Lomax Southern Recording Trip (1939)
Blind Lemon Jefferson – See that my grave is kept clean (1927)
Leadbelly – House of the rising sun (1944)
Leadbelly – Where did you sleep last night (1944)
Robert Johnson – Crossroad Blues (1936)
Sonny Boy Williamson I. – Good gal
Billie Holiday – Strange fruit (1939)