Im Internationalen Aktionsbündnis gegen Cattenom (IAC) engagieren sich seit Jahrzehnten Deutsche, Luxemburger und Franzosen gemeinsam für die Schließung des Atomkraftwerks im französischen Cattenom. Das Unglück in Fukushima nehmen sie zum Anlass, um sich erneut zusammenzuschließen und aktiv für die Abschaltung des AKW zu kämpfen.

Dan Michels, 36, vertritt die Luxemburger. Seine Motivation:„Einerseits bin ich von klein auf da hineingewachsen, da meine Eltern im Natur- und Umweltschutzbereich aktiv waren. Andererseits gilt mein Engagement auch den zukünftigen Generationen. Es gibt kaum eine Technologie, die sogar im Optimalbetrieb so weitreichende negative Auswirkungen hat wie die Kernspaltung.“

Henry Selzer, 56, ist Sprecher der saarländischen Seite. Er motiviert andere so: „Indem ich zuhöre, offen diskutieren und indem man gute Aktionsangebote macht.“
Die beiden Männer kennen die Hürden internationaler Zusammenarbeit nur zu gut.
Ein Gespräch.
Trems: Was zeichnet das Aktionsbündnis IAC in Ihren Augen aus?
Michels: Das IAC ist ein zivilgesellschaftliches und überparteiliches, wenn auch in der Praxis grün dominiertes Zweckbündnis. Die Zusammenarbeit über Landes- und Sprachgrenzen hinaus ist für alle bereichernd. So eine überparteiliche und internationale Zusammenarbeit macht definitiv bei vielen Themen Sinn. Vor allem in puncto Cattenom, welches direkt an der französisch-deutsch-luxemburgischen Grenze liegt.
Trems: Was für Aktionen gab es bisher? Was haben Sie erreicht?
Selzer: 1986 nach dem Unfall in Tschernobyl wurde das IAC gegründet. Anschließend haben wir drei Jahre lang gearbeitet: Demos, Menschenketten, Besetzungsaktionen und viele weitere Aktionen. Dann gab es für uns andere Arbeitsfelder. Unmittelbar nach Fukushima hatte ich die Idee, das wiederzubeleben für einen weiteren Schub gegen das Atomkraftwerk Cattenom.
Michels: Mit knapp über 4.000 Menschen gab es zuerst eine große Cattenom-Demo am Ostermontag, die wir mit einer kleinen Truppe in sehr kurzer Zeit direkt am Atomkraftwerk organisiert haben. Das IAC war auch am folgenden Tag in Luxemburg, bei der nationalen Demo zum 25. Gedenktag der Tschernobylkatastrophe. Unsere Mitglieder waren bei der Tagung der parlamentarischen Kommission der Großregion in Perl und beim Gipfel der Exekutiven der Großregion in Metz dabei. Es wurde jeweils über Atomkraft, Katastrophenschutz und die angekündigten EU-Stresstests debattiert. Wir sind inzwischen als offizieller Partner akzeptiert und zur nächsten Tagung der parlamentarischen Kommission eingeladen. Ein wichtiges Ziel ist es natürlich, politische Entscheidungen zu beeinflussen– speziell in Frankreich – aber auch die Menschen zu mobilisieren und Aktionsmöglichkeiten für jeden Einzelnen aufzuzeigen.
Trems: Warum haben Sie sich dazu entschieden, international zu arbeiten und nicht regional?
Selzer: Nun, weil das AKW Cattenom französisch ist und auch nur durch die Politik und Entscheidungen in Frankreich letztlich stillgelegt werden kann, aber die Unterstützung aus anderen Staaten kann dabei vielleicht helfen. Außerdem gab es von Anfang an ein starkes Luxemburger Engagement. Grenzüberschreitende Kontakte gab es von Anfang an.
Michels: Das kann man so nicht sagen, dass es nicht regional ist: Regional heißt ja in der Großregion und in einem Dreiländereck automatisch international. In den einzelnen Ländern sind auch Aktionen, Bündnisse, Petitionen, Demos veranstaltet worden, aber das IAC hatte das Ziel, diese Initiativen miteinander zu verbinden. Radioaktivität kennt keine Grenzen, genau wie der Protest.
Trems: Es gibt das Vorurteil, bei internationaler Zusammenarbeit seien einvernehmliche Entscheidungen schwer. Wie sieht das bei Ihnen aus?
Selzer: Ich kann das nicht bestätigen. Es ist nicht schwerer als sonst auch. Aber es ist natürlich aufwändiger, wegen der sprachlichen Barrieren.
Michels: Das ist wirklich nur ein Vorurteil. Die Schwierigkeit bei Entscheidungen hängt nicht an Ländergrenzen, sondern an den Grenzen in vielen Köpfen. Unstimmigkeiten und Probleme gibt es genauso gut auf nationaler oder regionaler Ebene.
Trems: Welche Hürden gibt es bei der internationalen Zusammenarbeit zu überwinden?
Selzer: Es ist wichtig, genügend Ansprechpartner in Frankreich zu haben, wegen der politischen und kulturellen Unterschiede. Aber es gibt dort schon seit der ersten Phase 1986 Befürworter der Grünen Partei und es sehen auch in Frankreich immer mehr Menschen die Gefahren der Atomkraft.
Michels: Die einzige wirkliche Hürde ist teilweise die Sprachbarriere, da nicht alle Deutschen Französisch verstehen oder gar sprechen und umgekehrt. Hier müssen dann die mehrsprachigen Teilnehmer wie ich regelmäßig übersetzen. Wichtig ist, dass man im kleinen Kreis, wo die Detailplanungen ablaufen, möglichst zweisprachige Leute hat, was hier der Fall ist.
Trems: Was steht als nächstes an?
Michels: Momentan arbeiten wir an drei Ideen für August, September und Oktober: Ein Bewegungsnachmittag gegen Atomkraft im Dreiländereck als familienorientierte Freizeitaktivität, eine öffentliche Diskussionsrunde mit Atomkraftexperten zur aktuellen Lage des Stresstests und den Anlagen in der Großregion, sowie ein Musik-Gegen-Atom Festival in Lothringen sind geplant.
Selzer: Außerdem wollen wir auf die kommenden Wahlen in Frankreich Einfluss nehmen.
Atomkraftwerk Cattenom
Cattenom ist eines der leistungsfähigsten französischen Atomkraftwerke. Es steht nahe der Stadt Cattenom in der Region Lothringen. Durch seine unmittelbare Nähe zu den Nachbarstaaten Deutschland (Entfernung circa neun Kilometer) und Luxemburg (Entfernung circa zwölf Kilometer), sorgt das Kernkraftwerk international für Zündstoff. Im Falle eines Reaktorunglücks würden weite Teile des Saarlandes, von Rheinland-Pfalz, Luxemburg bis nach Süd Belgien evakuiert.
Internationales Aktionsbündnis gegen Cattenom (IAC)
Im IAC haben sich verschiedene Organisationen, Parteien und ganze Gemeinden und Landkreise zusammengeschlossen, um gegen das Atomkraftwerk Cattenom vorzugehen. Das Besondere daran ist, dass eben diese Mitglieder nicht nur aus Deutschland sondern auch aus Luxemburg, Belgien und Frankreich selbst stammen. Denn das AKW ist eine Bedrohung für die ganze Saar-Lor-Lux-Region und das IAC will sich nun wieder darum bemühen, dass das französische Kernkraftwerk endgültig vom Netz geht.

Schön recherchierter Beitrag. Informatives Interview. Weiter so!