Dieburger Multikulti (Wohnen II)

2. Juli 2009 von Thomas Strothjohann

Fernando Picelli Vicentim ist 22 Jahre alt, kommt aus Sao Paulo, studiert beachvolley1in Darmstadt Elektrotechnik, wohnt aber in Dieburg. Während Wirtschafts-, Journalismus- und Media-Studenten täglich von Darmstadt nach Dieburg zum dortigen Campus der h-da pendeln, machen Fernando und seine Mitbewohner den umgekehrten Weg.

Rund 30.500 Studenten konkurrieren um den knappen Darmstädter Wohnraum. Im Dieburger Quartier56 wohnen viele ausländische Studenten, weil sie in den Darmstädter Wohnheimen kein Zimmer bekommen haben.

Von Sao Paulo nach Dieburg
Dort treffen sich  Franzosen und  Griechen, Argentinier und Briten, Italiener und viele von Fernandos brasilianischen Landsleuten, „es gibt sogar ein paar Deutsche“, sagt Thiago, Fernandos Mitbewohner lachend. In Sao Paulo ist sein Weg zur Uni genauso lang wie hier, aber wenigstens sei dort  – anders als in Dieburg - am Wohnort einiges los.

Das Quartier56  macht einen ordentlichen Eindruck, abgesehen vom üblichen studentischen Schmuddel in Küchen und Bädern. Die Zimmer sind hell, es gibt eine Wiese mit Grillplatz, Gemeinschaftsküchen und Bäder auf jeder Etage. Die fünfstelligen Zimmernummern passen nicht so recht zum überschaubaren Gebäude und forcieren den sterilen Jugendherbergscharakter.

„Por favor não repare na bagunca“ -Fernandos reparierter Fernseher beachte das Chaos nicht, bittet Fernando und öffnet sein Zimmer. Er hat die spärliche Wohnheimeinrichtung um einige Sperrmüllfunde ergänzt. Er findet erstaunlich, was die Dieburger alles wegwerfen. Tische, Stühle und einen Fernseher mit DVD-Player hat er gesammelt. Den Fernseher hat der junge Elektrotechniker repariert und ins Wohnzimmer gestellt. Seine Schreibtischlampe hat einen neuen Schirm aus Alufolie.

Fachsprache, Sechsmonats-Mietverträge und Mülltrennung
Die Brasilianer sind Stipendiaten des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Um in das Programm aufgenommen zu werden, mussten sie ihre Uniklausuren und spezielle Eignungstests mit besten Ergebnissen bestehen. Trotzdem macht ihnen das Studium an der TU zu schaffen. Weniger fachlich als sprachlich.  Smalltalk auf Deutsch lernten sie deutlich schneller als technische Fachsprache. Die meisten Europäer im Wohnheim sind Erasmusstudenten.

Privat läuft es bei den Gulhierme FernandoSüdamerikanern gut. „Wenn ich aus meinem Mietvertrag herauskäme, könnte ich bei Freunden in Darmstadt in eine WG ziehen“, sagt Fernando. Aber die Betreiber des Quartiers56 kennen das Dieburger Problem und lassen die Neuankömmlinge einen Sechs-Monatsvertrag unterzeichnen. Bei vielen Austauschstudenten endet der Mietvertrag zeitgleich mit dem Aufenthalt.
„Jemand hat unseren Mülleimer geklaut“, berichtet Guilherme gleichgültig, als er Fernando in der Küche trifft. An der Stelle, an der der Behälter vorher stand, hängen noch handschriftliche Anweisungen zur Mülltrennung: „Bags, cans and other plastics in here.“  Die beiden essen einige Butterkekse mit Nutella und gehen zur Hochschule.

Das hat Dieburg zu bieten
Hinter den marodenBeachvolleyball in Dieburg Wohnheimblocks des Dieburger Campus verbirgt sich eine Welt, die den Pendlern unbekannt ist: Eine großzügige Sportanlage mit Fußballplatz, Laufbahnen, einem kleinen Fitnessraum und einem Beachvolleyballfeld. Fernando und Thiago treffen sich mit zwei Italienern, zwei Franzosen, zwei weiteren Brasilianern und einem Griechen zum abendlichen Sport.

Multikulti in Dieburg! Und all die Darmstädter Pendler, die sich über das langweilige Dieburg beschweren, haben keine Ahnung davon. Dabei würde der Dialog allen guttun.

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2 Reaktionen zu “Dieburger Multikulti (Wohnen II)”

  1. Campusmagazin » Blog Archiv » Hundertwasser macht das Leben bunter (Wohnen I)

    [...] dass ihre Wohnung nicht mithalten kann, tröstet das Campusmagazin mit einem Bericht aus dem Dieburger Wohnheim Quartier56. .gallery { margin: auto; } .gallery-item { float: left; margin-top: 10px; text-align: center; [...]

  2. Bruno Kawasaki

    Fernando ist der beste Mitbewohner des Welts!
    Er hat unsere Küche vollmöbliert - alles vom Spermüll!

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