Hundertwasser macht das Leben bunter (Wohnen I)
2. Juli 2009 von Michaela Brehm
Große schwarze Lettern auf gelbem Grund verkünden stolz: Wissenschaftsstadt Darmstadt.
Was auf dem Ortsschild so nett klingt, heißt in der Praxis: Technische Universität, staatliche Fachhochschule und evangelische Fachhochschule auf engstem Raum. Rund 30.500 Studenten müssen sich um knappe Wohnfläche schlagen. Wer ein Dach über dem Kopf hat, gibt es so schnell nicht her. Erst recht nicht, wenn es mit feinstem Blattgold überzogen ist.
Stolz streckt die Waldspirale in Darmstadt ihr goldenes Ende in den Himmel. Der 25 Meter hohe Turm mit der Zwiebelkuppel ist der höchste Punkt des Hundertwasserhauses, das sich Meter für Meter in die Höhe schraubt. Fast so, als ob sie gerade einer Kinderphantasie entsprungen sei, steht sie mitten im Bürgerparkviertel. Mit ihren bunten Farben und der auffallenden Form hebt sich die Waldspirale von umliegenden Wohnvierteln ab und zieht schon von Weitem alle Blicke auf sich.
Entworfen hat sie der österreichischen Künstler Friedensreich Hundertwasser. Mit seiner ungewöhnlichen Bauweise wollte er gegen die grauen, geradlinigen Einheitsbauten demonstrieren, die das Straßenbild der 50er und 60er Jahre beherrschten. Die Darmstädter Waldspirale war das letzte Bauprojekt des Künstlers, bevor er im Jahr 2000 an Bord der Queen Elisabeth II starb.
Dort, wo sich die Waldspirale das zweite Mal in eine Rechtskurve wagt, wohnen Thommy und Björn. Das blaue Treppenhaus, indem es keine Ecken gibt, macht neugierig auf die Wohnung. Doch die Erwartungen werden nicht erfüllt. Der Blick hinter die Türe verrät: eine ganz normale Studentenwohnung, mit Ecken und Kanten.
„Ja, leider fehlt das Hundertwasser-Feeling hier ein bisschen, aber wenn ich vom Einkaufen komme, ist der Anblick immer wieder etwas Besonderes“, sagt Thommy, der bereits seit eineinhalb Jahren in diesem begehbaren Kunstwerk wohnt. Einmalig ist auch der Ausblick von seinem Balkon: in der Mitte ein grüner Garten und darum die bunten Farben der Waldspirale. Und selbst auf dem Dach ist Platz für kleine Bäume und Büsche.
Hundertwasser wollte mit außergewöhnlicher Architektur die Freude am Wohnen zurückbringen. Ein Leben hinter grauen Betonfassaden in langweilig gestalteten Häusern mache seiner Meinung nach depressiv. Erst wenn die Architektur bunter und gewagter werde, kehre die Freude am Leben und Wohnen zurück. Eine Philosophie, die sich auch in der Waldspirale in Darmstadt widerspiegelt.
Antatt eines einfarbigen Anstrichs, ziehen sich hier Rot-, Braun- und Gelbtöne, wie Sedimentschichten im Erdreich über die Fassade. „Die Waldspirale ist eben einzigartig und man kann immer ein bisschen damit angeben hier zu wohnen“, sagt der stolze Mieter und blickt aus dem Fenster.
„Die einen behaupten, die Häuser bestehen aus Mauern. Ich sage, die Häuser bestehen aus Fenstern“, schrieb Hundertwasser in seinem „Manifest über die Fensterdiktatur“. Deshalb achtete er bei all seinen Bauwerken immer darauf, jedes Fenster ganz individuell zu gestalten. Seiner Meinung nach müsse es jedem erlaubt sein, sich aus dem Fenster zu lehnen und die Fassade mit einem Pinsel zu bemalen, soweit seine Arme reichten. So könne man schon von weitem erkennen, dass hier ein Individuum lebe.
Diesem Prinzip folgt auch die Waldspirale. Keines der Fenster gleicht sich in Form und Farbe. Eine wahre Herausforderung für die Jalousiemonteure. Doch das stört hier niemanden. Schon bevor nach zwei Jahren Bauzeit der letzte Handgriff getan war, waren alle 105 Wohnungen vermietet.
Thommy ist froh, eine dieser Wohnungen in der Waldspirale sein Zuhause nennen zu dürfen. Bei der Wohnungssuche ging es ihm wie allen anderen auch: frustrierende Massenbesichtigungen und viele Absagen. „Ich habe wirklich lange gesucht, die passende Wohnung aber nicht gefunden. Bis ich durch Zufall diese hier entdeckt habe“, sagt Thommy.
Sein Mitbewohner Björn ist erst vor zwei Monaten von Frankfurt hergezogen, um dem Stress der Großstadt zu entkommen. Und tatsächlich hat er hier seinen Ruhepol gefunden. „Das Leben hier ist wirklich total entspannt“, sagt der ehemalige Wahlfrankfurter. Locker seien auch die Nachbarn. „Gleich gegenüber wohnt eine wirklich nette Rentnerin. Sie hat sich nicht einmal beschwert, als sich mein Hund direkt vor ihren Füßen übergeben hat“, lacht Björn. Ganz „besonders“ seien auch die Bewohner aus dem ersten Stock, sagt Thommy. Selbst von der Zweideutigkeit seiner Aussage überrascht, schiebt er lachend nach: “Aber sie sind keine verrückten Hippies oder so.“
Gut gelaunt und zufrieden scheinen hier also die meisten zu sein. Die Männer-WG aus dem dritten Stock, die Rentnerin von nebenan und die „Hippies“ von unten. Friedensreich Hundertwassers Konzept geht auf, zumindest hier in Darmstadt.
- Alle, die sich jetzt umschauen und feststellen müssen, dass ihre Wohnung nicht mithalten kann, tröstet das Campusmagazin mit einem Bericht aus dem Dieburger Wohnheim Quartier56.
Tags: Architektur, Leben, Wohnen














Am 17. Juli 2009 um 20:38 Uhr
Hoffentlich gibt es mehrere solcher Beiträge!
Bin sehr über Informationen von Hundertwasser interessiert.